Dr. Lilia Cheniti Belcadhi

Hochschule: Universität Sousse, Institut Supérieur d’Informatique et des Technologies de Communication

Fachbereich: Informatik

Besondere Interessen: Digitale Pädagogik, Erziehungswissenschaften

 

Dr. Lilia Cheniti Belcadhi, DAAD Alumna und Dozentin an der Universität Sousse, forscht schon seit Jahren zu digitalen Lehr- und Lernprozessen

Als die tunesischen Hochschulen während des Lockdowns zum online Unterricht wechseln mussten, war sie gefragter denn je. Wir haben sie zu ihren Erfahrungen befragt.

1. Viele tunesische Hochschullehrer mussten sich in kürzester Zeit in dieses schwierige Thema einarbeiten. Was lief aus Ihrer Sicht gut und wo sehen Sie zentrale Herausforderungen?

In diesem Jahr war den Studierenden aufgrund der COVID-19-Pandemie der Präsenzunterricht verwehrt. Der Einsatz neuer Technologien war daher unerlässlich, um die Auswirkungen der Schließung der Universitäten zu reduzieren. Onlineunterricht hat sich als Alternative etabliert, um die Kontinuität der Lehre zu garantieren.

Die Dozenten haben sich an diesem Prozess beteiligt. Viele von ihnen äußerten ihr Interesse für die Nutzung digitaler Lehre und nahmen an virtuellen Fortbildungen teil. Beispielsweise hat die Universität Sousse allein 600 Lehrende während des Lockdowns geschult, damit diese ihr Lehrmaterial online hochladen konnten.
Es wird sicherlich eine post-Covid-19-Universität mit einer Öffnung der Lehrenden hinsichtlich des Online-Unterrichts geben.

Die Universität muss sich ändern und stärker Hybridformaten anbieten, die Online- und Präsenzunterricht verbinden. Dazu müssen sich die Lehrkräfte drei Herausforderungen stellen: Erstens müssen sie ihre eigenen Fertigkeiten in der Gestaltung und Erstellung von Unterrichtsmaterialien ausbauen, um die Online-Lerninhalte besser zu präsentieren.

Die zweite Herausforderung besteht darin, die Änderung der Lehrerrolle zu akzeptieren: Lehrende sind nun in der Rolle von Vermittelnden, die anleiten und unterstützen, damit die Lernenden motiviert und engagiert ihre Bildungsziele weiterverfolgen. Die dritte Herausforderung betrifft den Zugang zur Technologie und zu den Netzwerken sowie die Würdigung der digitalen Leistungen für die weitere Karriere.

2. Verschärft der digitale Unterricht die soziale Frage?

Die COVID-19-Pandemie hat die digitale Kluft, mit der Studierende konfrontiert sind, weiter verschärft. Der Zugang zum Internet und zu Computern bleibt für einen erheblichen Teil von ihnen schwierig. Hier konnten zumindest in Teilen Lösungen implementiert werden. Auf Ersuchen des Ministeriums für Hochschulbildung und wissenschaftliche Forschung haben die drei nationalen Telefongesellschaften Tunesiens freien Zugang zu digitalen Unterrichtsplattformen gewährt.

Darüber hinaus wurde in Hochschuleinrichtungen die Verbindungsgeschwindigkeit erhöht, so dass sich die Studierenden über die jeweils nächstgelegene Institution einwählen und online auf das Unterrichtsmaterial zugreifen können.

Außerdem sind soziale unternehmerische Initiativen wie die Sharek-Initiative entstanden, die es ermöglichen, neue oder gebrauchte Spenden (Computer, Tablets und Smartphones) von Einzelpersonen und Unternehmen für Studierende zu sammeln (https://www.sharek-it.tn/).

Schließlich ist es notwendig, viel stärker auf die Erstellung und Einführung frei verfügbarer Lehrmaterialien hinzuarbeiten, um Bildung zu gewährleisten, die all unseren Studierenden offensteht. Diese Maßnahmen sollen den Zugang zu Bildung demokratisieren, die Motivation und den Zugang der Studierenden zu digitaler Bildung sicherstellen und den Erwerb digitaler Fähigkeiten fördern, die heute für eine bessere Beschäftigungsfähigkeit unerlässlich sind.

3. Ende November haben Sie ein internationales Kolloquium zum Thema pädagogische Innovation und digitales Lernen organisiert. Was waren für Sie die wichtigsten Ergebnisse der Konferenz?

Die Universität Sousse organisierte über ihre Abteilung für pädagogische und digitale Innovation und in Zusammenarbeit mit dem DAAD am 27. und 28. November 2020 die 2. Ausgabe ihrer internationalen Konferenz zum Thema “Innovative Pädagogik und Digitalisierung” IPEN 2020. Das Thema der diesjährigen Konferenz lautete „Digitale Technologie im Dienste von Hybridisierung und Innovation in der Hochschulbildung – Was sind die Herausforderungen?“.

Diese Konferenz ermöglichte es Referenten aus verschiedenen Ländern im Bereich der digitalen Technologie und Bildungsinnovation ihre Visionen und ihre Arbeit in Bezug auf dieses Thema vorzustellen. Es gab zudem Mikro-Workshops im Zusammenhang mit innovativen pädagogischen Ansätzen und dem Einsatz von IKT für die hybride Bildung.

Im Ergebnis konnte festgehalten werden, wie wichtig es ist, Projekte und Arbeiten im Zusammenhang mit der Skripterstellung und der Implementierung von hybridem Unterricht an Universitäten weiterzuentwickeln. Darüber hinaus wurden die Besonderheiten und innovativen pädagogischen Ansätze wie das „umgedrehte Klassenzimmer“, der kompetenzbasierte Ansatz und das spielerische Lernen diskutiert.

Diese Konferenz bot auch Gelegenheit, das MENA-Netzwerk des LETS Learning Lab vorzustellen, das die Einrichtung von Inkubatoren für Bildung und digitale Innovation an vier Universitäten (Schweiz, Ägypten, Libanon und Tunesien) ermöglicht.
Folgende Herausforderungen und Bereiche müssen noch untersucht werden: Methoden zur Leistungsmessung und Besonderheiten Fachbereichen, die praktische Aktivitäten erfordern, insbesondere in der medizinischen Ausbildung und in technologischen Fächern.