Name: Dr. Ali Gayar

Hochschule: Universität Benghazi

Fachbereich: Elektrotechnik und Elektronik

Besondere Interessen: Elektrotechnik, Übertragungsleitungen, erneuerbare und nachhaltige Energien. Darüber hinaus interessiere ich mich für Qualitätssicherung an Hochschulen und die internationale Zusammenarbeit.

Dr. Ali El Gayar ist seit vielen Jahren ein enger Hochschulpartner des DAAD. An der Universität Benghazi hat er vielfältige Aufgaben und ist unter anderem für den Aufbau und die Konsolidierung der internationalen Kooperation zuständig.

  1. An der Universität Benghazi sind Sie unter anderem für Qualitätssicherung zuständig. Mit welchen Herausforderungen sind Sie angesichts der aktuellen Corona-Krise konfrontiert?

Jahrzehntelang basierte das Bildungssystem in Libyen auf traditionellen Methoden, die sich hauptsächlich darauf stützen, dass ein Lehrer in überfüllten Klassenzimmern vorträgt. Das libysche Bildungssystem stützte sich zu sehr auf Vorlesungen und Auswendiglernen und nicht genug auf Projekte und Essays, die das Ergebnis analytischen Denkens sind und zeigen, dass Studierende Wissen synthetisieren können. Vor 2020 stießen die wenigen einsamen Befürworter von online Lehrangeboten auf starken Widerstand, und Hochschulen mit E-Learning-Programmen konnten die Abschlüsse ihrer Studierenden in Libyen nicht anerkennen lassen.

Daher war vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie ein Wechsel zu anderen Lehrmethoden wie E-Learning nicht denkbar.Aufgrund fehlender alternativer Bildungsmethoden und des Mangels an technischen und technologischen Lehrmitteln wurden die Hochschulen für einen Zeitraum von 6 Monaten (von März bis September 2020) offiziell geschlossen.

Das libysche Bildungsministerium errichtete hohe Hürden für die Wiedereröffnung der Hochschulen, einschließlich der Reduzierung der Studentenzahl auf 15 pro Raum, obwohl einige dieser Kurse Hunderte von Studierenden haben.Vor der Pandemie wurden E-Learning und Fernunterricht im libyschen Bildungssystem nicht offiziell anerkannt. Die erzwungenen Schließungen haben die Bemühungen zur Entwicklung von Online-Unterricht und E-Learning vorangetrieben. Durch die Schließung sind die Hochschulen in Libyen gezwungen, mehr in die Online-Lehre zu investieren. Selbst Professoren, die eher einen traditionellen Unterricht bevorzugen, öffnen sich nun neuen Technologien. Die Universität Benghazi, wie auch die meisten anderen libyschen Hochschulen, entschlossen sich, trotz der Schwierigkeiten und Herausforderungen, auf E-Learning umzusteigen. Gesetze und Gesetzgebung in Libyen schränkten den Einsatz von E-Learning ein.

Dies war neben den knappen finanziellen und technischen Möglichkeiten eine der größten Herausforderungen für libysche Hochschulen. Die unzureichende Infrastruktur umfasste unter anderem die Stromversorgung, die Internetgeschwindigkeit sowie Computer und Kommunikationsgeräte. Hinzu kommen didaktische Herausforderungen. Der Online-Unterricht unterscheidet sich vom Präsenzunterricht in diversen Aspekten, einschließlich der Materialvorbereitung, Unterrichtsvorbereitung und -methoden, fairer Bewertungen sowie Lehrer- und Lernerrollen.

Die Lehrkräfte müssen darüber hinaus gut mit Computern und IT-Netzwerken umgehen können und  Websuchmaschinen und Tools für die Gruppenarbeitsfunktionen nutzen (Chats, Foren, Blogs und weitere Plattformen). Qualifizierte Online-Lehrende sollten sich jedoch der Unterschiede zwischen Präsenz- und Fernunterricht bewusst sein.Die aktuelle Pandemie hat dazu beigetragen, den Reformprozess des Hochschulsystems zu beschleunigen.

Der Crash-Übergang zur Online-Bildung hat Reformen beschleunigt, die libysche Pädagogen seit Jahren anstrebten, und jetzt sehen sie das Potenzial für dauerhafte Veränderungen. Der Übergang zum E-Learning ist der erste Schritt in der Bildungsreform in Libyen. An der Universität Benghazi glauben wir, dass ein hybrides Modell, das Präsenz- und Online-Lehre kombiniert, der Schlüssel zu einem solchen langfristigen Wandel ist. Die Reform könnte die Dozenten vom lehrerorientierten Unterricht abwenden, der noch an vielen libyschen Universitäten üblich ist, und bei dem die Studierenden häufig nur passiv in Klassen oder Auditorien sitzen.

Stattdessen würde ein hybrider Ansatz die Studierenden dazu bringen, Vorlesungen nach Belieben online zu verfolgen – idealerweise auf Plattformen, die andere unterstützende Möglichkeiten wie Texte, Videos und interaktive Quiz integrieren. Die Studierenden würden dann nur noch auf ihrem Campus sein, wenn sie an Workshops, kleinen Seminaren oder Übungen teilnehmen. Obwohl die libyschen Universitäten schrittweise auf E-Learning umgestellt haben, sind weitere Anstrengungen erforderlich, um die Herausforderungen zu bewältigen.

  1. Sie sind das erste libysche Mitglied der BMBF geförderten Akademie „Arab-German Young Academy“ (AGYA). Was bedeutet diese Mitgliedschaft für Sie persönlich und für Ihre Hochschule?

Als erstes libysches Mitglied der Arab-German Young Academy werde ich nicht nur zu Projekten im Zusammenhang mit meinem Fachbereich beitragen, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen der Universität Benghazi und weiteren deutschen und arabischen Universitäten zum Nutzen aller Beteiligten stärken.

AGYA bietet eine Plattform für die Entwicklung und Umsetzung interdisziplinärer Forschung auf internationaler Ebene an, was ein großer und äußerst wünschenswerter Vorteil für die Gesellschaft ist. Meine Motivation, sich AGYA anzuschließen, besteht darin, mit interdisziplinären Forschungsgruppen zu arbeiten, ein gutes Netzwerk mit angesehenen Forschern aus Deutschland und der arabischen Welt aufzubauen und Kooperationsmöglichkeiten zwischen libyschen und deutschen Hochschulen zu finden.

Darüber hinaus fördert AGYA die interkulturellen Erfahrungen seiner Mitglieder und fördert sie als Botschafter von Wissenschaft und Kultur. Ziel der Akademie ist es, als interkultureller Think Tank zu dienen und den arabisch-deutschen Forschungsaustausch und die Nord-Süd-Süd-Zusammenarbeit zu unterstützen.

  1. Wie beenden Sie folgenden Satz: „Die internationale Zusammenarbeit ist für mich…“

… die Brücke zwischen Hochschulen und Institutionen weltweit, um Wissen, Kultur, Wissenschaft und den Austausch kreativer Ideen zu übertragen, damit globale Probleme und Aufgaben bewältigt werden.