Neues Merian Centre in Tunis

Die Philipps-Universität Marburg und weitere deutsche Forschungseinrichtungen bauen in Kooperation mit der Universität Tunis ein Merian Centre for Advanced Studies (MECAM) am ISEAHT auf. Das BMBF fördert das internationale geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungszentrum für mehrere Jahre.

MECAM in Tunis ist weltweit das insgesamt fünfte Merian Centre, welches durch das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Programmlinie der „Maria Sibylla Merian Centres for Advanced Studies“ in Anlehnung an die deutsche Naturforscherin Maria Sibylla Merian (1647-1717) gefördert wird.

Wir haben Dr. Julius Dihstelhoff, akademischer Koordinator von MECAM, befragt:

  1. Herr Dihstelhoff, können Sie unseren Leser*innen in einfachen und knappen Worten die Aufgaben und Ziele dieses neuen Zentrums erläutern?

Das MECAM in Tunis ist ein neu in der tunesischen und maghrebinischen Wissenschaftsszene verankertes Forschungszentrum, das die Internationalisierung von Forschung und den akademischen Austausch in den Geistes- und Sozialwissenschaften im Mittelmeerraum zum Ziel hat.

Unter dem Motto „Imagining Futures – Dealing with Disparity“ legt MECAM aus dem Blickwinkel der Gesellschaften und Länder des Maghreb sein Hauptaugenmerk auf die Untersuchung der komplexen Aushandlungsprozesse und (Neu-)Verhandlungen von gesellschaftlichen Zukunftsmodellen und -entwürfen, basierend auf den mannigfaltigen Transformationsprozessen seit dem “Arabischen Frühling”. Insbesondere die Analyse dieser Prozesse sowie die Erforschung unterschiedlicher Formen und Ausmaße von Disparität und ungleichen Ausgangsbedingungen, die den Maghreb und die angrenzenden Regionen historisch und aktuell sowohl trennen als auch verbinden, stehen dabei im Fokus von MECAM. In fünf thematischen Forschungsclustern werden Fragestellungen zu “Ästhetik & kultureller Praxis“, “Ungleichheit & Mobilität“, “Erinnerung & Gerechtigkeit“, “Identitäten & Überzeugungen“ sowie “Ressourcen & Nachhaltigkeit“ nachgegangen. Die Analyse innerhalb jedes Clusters erfolgt in einer vergleichenden historischen und geographischen Perspektive unter Miteinbeziehung digitaler Methoden.

Vor diesem Hintergrund arbeiten wir im MECAM zunächst mit drei verschiedenen Schlüsselformaten zur Unterstützung von Austausch und Kommunikation in der Forschung: Jeweils fünf Forscher*innen unterschiedlicher Herkunft aus verschiedenen Stadien ihrer Karriere treffen sich in fünf Interdisziplinären Fellow-Gruppen (IFGs) am MECAM-Standort in Tunis zu viermonatigen Aufenthalten mit intensiver Forschung und persönlichem Austausch, der durch verschiedene Formate der Wissenschaftskommunikation begleitet wird. Im Kontext des Formats der Traveling Academy bilden Wissenschaftler*innen aus dem Maghreb, Deutschland und anderen Teilen der Welt eine Art ‘Forum für Reflexion und Austausch‘, indem sie sich an unterschiedlichen Orten in Ländern des Maghreb und Maschrek treffen und ihre aktuellen Forschungsfragen zu einer gemeinsamen Fragestellung diskutieren. Unter dem Titel Rencontres Ibn Khaldun – in Anlehnung an den großen maghrebinischen Philosophen und Soziologen des 14. Jahrhunderts – finden zudem am Standort des MECAM in Tunis regelmäßig Veranstaltungen für eine breitere Öffentlichkeit statt.

Verantwortet wird MECAM von einem Konsortium aus renommierten tunesischen und deutschen Forschungseinrichtungen: Es wird von der Philipps-Universität Marburg und der Université de Tunis koordiniert und von der Universität Leipzig, dem German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg/Deutschland, dem Forum Transregionale Studien in Berlin/Deutschland, dem Institut Tunisien des Études Stratégiques (ITES) in Tunis/Tunesien und der Universität von Sfax/Tunesien unterstützt. Zweigstellen von MECAM sollen in Casablanca/Marokko und Beirut/Libanon aufgebaut werden.

  1. Inwiefern können sich maghrebinische Nachwuchswissenschaftler*innen im MECAM einbringen?

Wir im MECAM orientieren uns in unserer Arbeit an Interregionalität, Interdisziplinarität und Intergenerationalität. Diese Leitprinzipien sollen sich in allen Schlüsselformaten widerspiegeln: Wir begrüßen und fördern daher aktiv die akademische Zusammenarbeit zwischen Forscher*innen aus Deutschland, Tunesien, dem Maghreb, der breiteren MENA-Region sowie der internationalen akademischen Gemeinschaft. Darüber hinaus wollen wir die Vielfalt durch interdisziplinäre Perspektiven aus verschiedenen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen fördern und zur Stärkung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen führenden Wissenschaftler*innen und Nachwuchswissenschaftler*innen beitragen. Letzteres soll jüngeren Wissenschaftler*innen helfen, sich in Forschungsstrukturen zu integrieren und so nachhaltige interregionale Netzwerke aufzubauen. Prominentestes Beispiel dafür sind unsere Stipendien: MECAM lädt Wissenschaftler*innen jeder Nationalität in verschiedenen Stadien ihrer Karriere – Doktoranden, Post-Doktoranden und Advanced Scholars – als Fellows ein, um frei an selbstgewählten Forschungsprojekten zu arbeiten.

Für die zukünftige Arbeit von MECAM planen wir den weiteren Ausbau von Nachwuchsförderung durch methodische Workshops sowie Sommerschulen zu spezifischen Aspekten des MECAM-Forschungsprogramms für Doktorand*innen und Post-Docs. Auch die Einrichtung einer an MECAM angegliederten Graduiertenschule ist Gegenstand derzeitiger Verhandlungen.

  1. Sie leben nun seit mehreren Monaten in Tunis. Wie verlief die Anfangsphase?

Ich freue mich darüber, in Tunesien nicht mehr nur gelegentlich als Politologe forschen und arbeiten zu können, sondern vorerst hier auch dauerhaft arbeiten und leben zu dürfen. So kann ich nun, nach meiner Dissertation zur deutschen Außenpolitik in Tunesien nach 2010, inhaltlich meine bisherigen wissenschaftlichen Schwerpunkte, die z.B. den politischen Transformationsprozess Tunesiens seit 2010 betreffen, fortführen. Dass ich nun als Akademischer Koordinator von MECAM an der Errichtung eines wissenschaftlichen Forschungszentrums so exponiert mitwirken kann, empfinde ich dabei als Privileg.

Allerdings war es pandemiebedingt für mich persönlich zunächst weder einfach, überhaupt nach Tunesien auszureisen, noch die Aufbauphase von MECAM vor Ort in Tunis wie gewünscht gestalten zu können. So lässt sich ein Forschungszentrum nunmal nicht aus dem langen Homeoffice-Zeiten heraus aufbauen und einzelne Elemente der Projektplanung, wie Stellenbesetzungen, Präsenzveranstaltungen und die Ausrichtung des Fellowship-Programms, mussten den Bedingungen der Covid-19-bedingten Mobilitätseinschränkungen und Schutzmaßnahmen angepasst werden und größtenteils auf digitalem Wege durchgeführt werden. Des Weiteren steht in meiner derzeitigen MECAM-Arbeit vor allem die Etablierung eines administrativen und rechtlichen Rahmens für die folgende akademische Arbeit im Fokus – ein langwieriges und schwieriges Unterfangen. In persönlicher Hinsicht habe ich diesmal auch den Großraum Tunis coronabedingt leider noch nicht verlassen können. Berufliche sowie private Unterstützung bei meinem Einleben in Tunis erfahre ich jedoch durch das stetige Vertrauen des MECAM Konsortiums, die Gastfreundschaft der tunesischen Partner*innen und durch das Engagement meiner Freunde vor Ort, denen ich allesamt danke.