Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) fördert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes das „Graduate School Scholarship Programme“ (GSSP). Strukturierte Promotionsprogramme sind ein zentrales Element der Qualifizierung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Hohe Qualitätsstandards hinsichtlich der Auswahl und Betreuung von Promovierenden sowie ein internationales Forschungsumfeld tragen zur Attraktivität dieser Programme bei und schaffen für Bewerber aus dem Ausland ideale Startvoraussetzungen für eine gelungene wissenschaftliche und soziale Integration.

Soufiane Chinig aus Marokko hat sich an der Freien Universität Berlin erfolgreich durchsetzen können:  Von 130 Bewerbern aus der gesamten Welt wurde er gemeinsam mit einem weiteren Kandidaten in einem mehrstufigen Auswahlverfahren für das Promotionsprogramm nominiert. In Berlin forscht er seit Januar 2021, inwiefern sich Jugendkulturen durch die Prozesse des arabischen Frühlings verändert haben.

  1. Können Sie unserer Leserschaft in aller Kürze Ihre zentralen Forschungsfragen erläutern?

Mein Forschungsprojekt konzentriert sich auf eine vergleichende Untersuchung von Wandgemälden und künstlerischen Ausdrucksformen in Nordafrika und dem Nahen Osten. Anhand von Marokko und Jordanien versuche ich, unterschiedliche Ausdrucksformen junger Menschen zu hinterfragen, wie Wandbeschriftungen, Wandmalereien und Graffiti.

Denn etwas an eine Wand zu schreiben oder zu malen, impliziert bereits einen wichtigen Anspruch auf eine bestimmte Realität; meine Studie untersucht die Rolle dieser Wandbilder, ihren Platz in der Gesellschaft und wie sie das politische Leben beeinflussen.

Ich versuche, die drei folgenden Hauptfragen zu beantworten. Erstens, welche sozialen Erfahrungen drücken die Schriftformen und Wandbilder aus und was teilen sie gegebenenfalls mit?

Zweitens untersuche ich, wie Wandschrift und Wandmalerei in beiden Ländern gegenüber legalen und legitimen Diskursen praktiziert werden. Diese Frage will sich mit den politischen Machtverhältnissen hinter der Produktion von Street Art sowie ihren Repräsentationen und ihren sozialen, kulturellen und religiösen Dimensionen auseinandersetzen.

Der dritte Abschnitt betrifft die Frage nach Grenzen und imaginierter Geografie (Said 1978). Hier bin ich weniger an einer „West-Ost“-Dichotomie interessiert. Viel mehr versuche ich zu verstehen, wie Graffiti-Künstler und Wandmaler den Maghreb und den Maschrek (Nordafrika und Naher Osten) in ihren Werken ausdrücken und übersetzen, indem ich herausfinden möchte, wie diese Wandmalereien und Gemälde deterritorialisieren und die geografischen Grenzen zwischen Nordafrika und dem Nahen Osten reterritorialisieren.

  1. Mit welchen Erwartungen sind Sie in die Promotion gegangen? Welche haben sich eher als falsch, welche eher als richtig herausgestellt?

Mein Ziel war es, mich in ein multidisziplinäres Promotionsprogramm einzuschreiben und von einer anthropologischen Tradition zu lernen, die sich auf sogenannte “muslimische” Gesellschaften konzentriert. Die Idee ist, sich mit Doktoranden und ProfessorInnen verschiedener Fachbereiche auszutauschen, um ethnologische Diskurse und Erfahrungen an einer „westlichen“ Universität zu entdecken. Deutschland im Allgemeinen und die Berlin Graduate School for Muslim Cultures and Societies (BGSMCS) bieten für mich eine bemerkenswerte Vielfalt. Da es viele Forschende gibt, die mit einer vergleichenden Perspektive zur „arabisch-muslimischen Welt“ kommen oder arbeiten, hilft mir das, eine doppelte Kritik zu entwickeln, wie es bereits Abdelkbir El Khatibi formuliert hatte. Als Doktorand in Berlin mit Erstausbildung in Marokko ist es für mich ich eine ideale Möglichkeit, um über die Produktion anthropologischen Wissens jenseits geografischer Grenzen und fester Identitäten zu reflektieren. Konkret beteilige ich mich an einer anthropologischen und soziologischen Debatte, die mit der „marokkanischen Schule“ der Sozialwissenschaften initiiert und ebenso verbunden ist wie mit der „französischen Schule“ im Hinblick auf das Französische, der Sprache der Hochschulbildung in Marokko und Resultat des wissenschaftlichen Erbes der Kolonialzeit. Andererseits kann ich mich mit dem Promotionsprogramm an der Freien Universität Berlin auf eine andere Denkweise einlassen, sei es durch die akademische und historische Hierarchie, die mit der Wissensproduktion verbunden ist, oder durch die Tradition und Universitätssprache. Während in Marokko die arabische Sprache, die französische Sprache und die Entkolonialisierung des kolonialen Erbes die Diskurse waren, die meine akademische Ausbildung prägten, befinde ich mich heute wissenschaftlich und geografisch in einer entgegengesetzten Richtung. In Deutschland gibt es einerseits eine ethnologische Tradition, die ihre eigene Erkenntnisgeschichte hat und andererseits die englische Sprache, die den Zugang zu einer englischsprachigen Wissenschaftswelt eröffnet. Dies impliziert, dass sich meine Positionalität und mein akademischer Habitus erweitern und ich neue Perspektiven integriere.

  1. Was hat Ihnen zu Beginn Ihres Deutschlandaufenthaltes besonders geholfen, sich einzufinden?

Meine Position als Doktorand und das pluralistische und weltoffene Umfeld um mich herum haben mir geholfen mich gut in Deutschland einzuleben. Dank der Unterstützung der Universität konnte ich alle erforderlichen Unterlagen vorbereiten. Vor meiner Ankunft in Berlin profitierte ich vom Deutschunterricht, der mir half, Gespräche im Alltag zu führen. Meine Universität bietet Einrichtungen zur Unterbringung in Universitätsnähe an. Anstatt zwei oder drei Semester zu warten, war es mit dem FU-Unterkunftsservice ganz einfach. Meine Ankunft in Berlin fiel mit einer strengen Ausgangsbeschränkung aufgrund der Covid19-Epidemie zusammen, aber trotz dieser Bedingungen konnte ich mich gelassen und unter guten Bedingungen an der Berlin Graduate School einleben.

  1. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich für das GSSP Programm zu bewerben?

Die Bewerbung für dieses Programm ist eigentlich nur eine logische Fortsetzung eines Prozesses, der vor einigen Jahren in Marokko begonnen hat. Da ich in einer Stadt mit einer sehr komplizierten sozialen Realität aufgewachsen bin, war ich schon immer fasziniert von den Kräften, die auf eine Gesellschaft einwirken, insbesondere auf meine eigene, was mich schon in jungen Jahren dazu veranlasste, Antworten in Büchern zu Geschichte, Anthropologie, Soziologie, Ethnologie, Theologie und Philosophie zu suchen. Als ich 2017 meinen Master in Soziologie und urbaner Anthropologie an der Universität Mohammedia erhielt, war der nächste Schritt nur folgerichtig.

Die Idee, mich für das dieses Stipendienprogramm zu bewerben, kam mir durch mein Promotionsprogramm an der Berlin Graduate School for Muslim Cultures and Societies. Ich habe im Oktober 2020 dank eines Stipendiums des Programms begonnen, in dem ich mich angemeldet hatte. Nach 6 Monaten habe ich mich mit dem Koordinator und einem meiner Kollegen beraten, um mich für das GSSP zu bewerben. Dieses Stipendium bietet mehrere Vorteile, insbesondere für diejenigen, die in einem Drittland Feldforschung betreiben. Vier Jahre Förderung für eine Doktorarbeit zu haben, ist für die meisten Doktoranden eine große Chance, vor allem in Deutschland.