Porträt des Monats November 2022

Die DAAD Außenstelle Tunis hat im September 2022 die 8. Maghrebakademie für DeutschlernerInnen organisiert. Das diesjährige Thema beschäftigte sich mit Abfallkreisläufen, Müllvermeidung und Recycling. Zahlreiche ExpertInnen aus dem Maghreb und Deutschland wurden dazu eingeladen, und bereicherten das Programm mit Vorträgen, Expertengesprächen und Workshops.

© DAAD Tunis/privat

Dr. Abdallah Nassour ist Privatdozent an der Universität Rostock und bot den DeutschlernerInnen einen Vortrag zum Thema nachhaltige Kreislaufwirtschaft an.  Wir haben ihn zu seinen Erfahrungen in diesem Bereich im Maghreb befragt:

Herr Doktor Nassour, Sie sind schon seit vielen Jahren im Bereich Abfall- und Kreislaufwirtschaft in der MENA-Region tätig. In Algerien haben Sie den Aufbau eines Masterstudiengangs begleitet. Wie genau funktioniert die akademische Zusammenarbeit in diesem Themenfeld über Ländergrenzen hinweg?

Die Professur Abfall- und Stoffstromwirtschaft der Universität Rostock verfolgt die Zusammenarbeit in den Ländern der MENA-Region seit 1999. Der DAAD, Alumni-Programme sowie Förderungsprogramme des Ministeriums für Entwicklungszusammenarbeit haben dazu einen großen Beitrag geleistet. Universitäten haben immer eine wichtige Rolle bei der Akquise lokaler Kontakte und der Umsetzung von Projekten vor Ort gespielt, z.B. sind wir bereits seit 2004 in Tunesien aktiv. Startpunkt dafür war ein DAAD-Vorhaben an der Universität Rostock im Jahre 2001, an dem zahlreiche Alumni und Entscheidungsträger aus fast allen arabischen Ländern beteiligt waren. 2004 wurde eine Umweltkonferenz in Tunesien mit über 400 Teilnehmern in Zusammenarbeit mit dem Alumni-Verein veranstaltet. Seitdem gibt es regelmäßige Aktivitäten, welche wir von der Universität Rostock noch unterstützen. Die Zusammenarbeit mit den Ländern der MENA-Region hat also eine lange Geschichte.

Die Universität Rostock hat 2016 eine Anfrage von der GIZ Algerien bekommen, mit der Bitte bei dem Aufbau eines Masterstudiengangs für Abfall- und Stoffstromwirtschaft an den Universitäten Blida und Constantine zu unterstützen. Eine Delegation aus den beiden algerischen Universitäten hat uns besucht, um die Universität Rostock und unsere örtlichen Gegebenheiten kennenzulernen. Bei der Umsetzung dieses Projekts waren weitere Partner weitere Hochschulpartner und verschiedene Unternehmen als Praxispartner beteiligt. Die Vorlesungen erfolgten vor Ort in Blida und Constantine. Bei den Vorlesungen mit den deutschen Dozenten und Experten wurden die Studenten aus den beiden Universitäten Blida und Constantine zusammengebracht, damit sich die Studenten kennenlernen konnten und die Zeit mit den Dozenten und Experten aus Deutschland in vollem Umfang genutzt werden konnte.

© DAAD Tunis/privat

Studierende und Dozenten des 1. Masterstudiengangs für Abfall- und Stoffstromwirtschaft der Universitäten Blida und Constantine (Bild Februar 2018). Die AbsolventInnen sind heute in verschiedenen nationalen und internationalen Institutionen sowie Privatunternehmen tätig.

Was ist Ihre persönliche Vision in Bezug auf Modelle der Kreislaufwirtschaft im Maghreb? Welchen Beitrag können die Hochschulen leisten und wo sind andere Akteure gefragt?

Die Maghreb-Staaten haben viel Nachholbedarf in der Kreislaufwirtschaft. Obwohl alle Staaten seit mehr als 20 Jahren Umweltministerien haben, landen heute noch ca. 90 bis 95 % der Abfälle auf Deponien oder Dumpsites. Für das Recycling (ca. 5 bis 10 %) ist der informelle Sektor zuständig. Alle Länder benötigen implementierbare Gesetze sowie Behörden, welche für die Umsetzung zuständig sind. Die meisten Behörden haben nicht ausreichend qualifiziertes Personal, welches über das Know-how und die praktischen Erfahrungen verfügt. Da gesetzliche und nachhaltige finanzielle Rahmenbedingungen kaum existieren, kann sich die nationale und internationale Privatwirtschaft in den Ländern nur schwer etablieren. Es werden leider häufig Projekte nur für kurze Zeiträume geplant. In Deutschland beträgt der Umsatz in der Kreislaufwirtschaft ca. 70 Mrd. €/a, welcher durch die Verbesserung und Optimierung der Gesetze zunehmen wird.

Seit mehreren Jahren verfolgen wir die Positionierung der Universitäten als Grundpfeiler für die Etablierung der Kreislaufwirtschaft in den Ländern der MENA-Region. Wir sind sehr froh über eine erfolgreiche und kooperative Zusammenarbeit mit den Partnern. Die Universitäten spielen eine wichtige Rolle, um das Fachpersonal für die Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft auszubilden und qualifizierte Fachkräfte bereitzustellen. Die Universitäten benötigen jedoch auch viel Unterstützung, um die notwendige theoretische und praktische Ausbildung anbieten zu können. Es gibt ein Bedarf an qualifiziertem Personal, Know-how und Laboren für die praktische Ausbildung. Dies gilt es in Abstimmung und Zusammenarbeit mit den politischen und kommunalen Institutionen sowie dem privaten Sektor zu etablieren. Seit mehreren Jahren verfolgen wir die Strategie, dass sich Studierende aus der MENA-Region mit den lokalen Abfallwirtschaftsproblemen beschäftigen und Lösungen erarbeiten. Ein Beispiel ist ein GIZ-Projekt (2017-2020) in Jordanien zur Stärkung der Rolle der Universitäten in der Abfallwirtschaft bei welchen 15 Masterarbeitsthemen zu lokalen Problemen wie Kompostierung, Verwertung von Deponiegas, Recycling, Integration des informellen Sektors, Sortieranalysen, etc.) bearbeitet wurden.

Den Universitäten in den Maghrebstaaten wird empfohlen, Politik, Kommunen und Privatwirtschaft in die Ausbildung zu integrieren und gemeinsam Masterarbeiten zu planen und durchzuführen. Damit können lokale Lösungen für Probleme der Abfallwirtschaft erarbeitet werden und Studenten praktische Erfahrungen sammeln. Die Hochschullehrende und WissenschaftlerInnen können diese Arbeiten für wissenschaftliche Veröffentlichungen und weitere Qualifikationen nutzen.

Inwiefern können Projekte wie die Maghrebakademie, die junge WissenschaftlerInnen aus den Maghrebstaaten zusammenbringt, für das Thema Abfallwirtschaft sensibilisieren und mithelfen, Lösungsschritte zu initiieren?

Das ist eine sehr gute Idee, um junge WissenschaftlerInnen aus der Fachrichtung Kreislaufwirtschaft zusammenzubringen. Im Rahmen des PREVENT-Vorhabens „German-MENA university network for waste management and circular economy“ haben wir Studierende, Hochschullehrende und weitere Zielgruppen zusammengebracht und die Vorlesungen durchgeführt. Wichtig ist dabei, dass die Entscheidungsträger integriert werden, um die Projekte auch zu realisieren. In der Abfallwirtschaft gibt es zahlreiche Projekte, welche durch kleine Unternehmen und in Zusammenarbeit mit den Kommunen realisiert werden können. Hier können die jungen WissenschaftlerInnen aus der Fachrichtung Kreislaufwirtschaft eine sehr gute Rolle spielen.

Wir leiden tatsächlich unter einem Problem: Wir bilden in der MENA-Region Studierende in der Kreislaufwirtschaft aus, aber sie finden keinen Job nach dem Studium. Das Problem liegt daran, dass es keine Gesetze für die Kreislaufwirtschaft in den Ländern gibt und keinen ausreichenden Druck für die politischen Institutionen und Kommunen. Die jungen WissenschaftlerInnen müssen zunächst einen Beitrag für die Weiterentwicklung der lokalen Rahmenbedingungen leisten und den Druck auf die Politik erhöhen.